Ordnungspolitisches Gewissen für Deutschland
Rede von Bundespräsident Horst Köhler zum 75. Geburtstag von Hans Tietmeyer

Bundespräsident Horst KöhlerPassagen aus der Rede von Bundespräsident Horst Köhler zu Ehren von Hans Tietmeyer am 7. September 2006 im Schloss Bellevue.

Von Bundespräsident Horst Köhler

Sie, lieber Herr Tietmeyer, gehören zum kleinen Kreis derer, die über Jahrzehnte die Wirtschafts- und Währungspolitik Deutschlands mitgestaltet, ja mitgeprägt haben. Ihr Name steht für die prinzipientreue Verteidigung der Grundwerte der Sozialen Marktwirtschaft und für die erfolgreiche Übertragung des bewährten Modells der Deutschen Bundesbank auf die europäische Wirtschafts- und Währungsunion.


Sie kamen erst im zweiten Anlauf zur Wirtschaftswissenschaft, nachdem Sie zunächst katholische Theologie studiert hatten. Beide Sphären, die Religion und die Ökonomie, bestimmten auch Ihr weiteres Leben. Das Gemeinwohl – so das wirtschaftspolitische Credo des Christen Tietmeyer – „kann, ja muss … mit Hilfe von und nicht gegen ökonomische Gesetzmäßigkeiten realisiert werden.“ In der Sozialen Marktwirtschaft, wie sie von Ihrem Lehrer Alfred Müller-Armack, von Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Franz Böhm und Ludwig Erhard konzipiert wurde, fanden Sie ein Wirtschaftsmodell, das Ihrer inneren Überzeugung zutiefst entsprach.

Als Sie in jungen Jahren im Bundesministerium für Wirtschaft Ihre Karriere begannen, war dieses Ministerium erfüllt von dem Geist der Sozialen Marktwirtschaft. Auch in der Tagespolitik waren die Grundprinzipien klar erkennbar:
private Eigeninitiative, Chancengleichheit, Selbstverantwortung, Subsidiarität und Solidarität. Den Bürgern unseres Landes boten sich vielfältige Chancen für Aufstieg durch eigene Leistung. Ludwig Erhards Vision vom „Wohlstand für alle“ faszinierte auch Sie. Dabei betonten Sie immer wieder zu Recht, dass das „Soziale“ und die Marktwirtschaft nicht als etwas Getrenntes oder Widersprüchliches gesehen werden dürfen, sondern als zwei Faktoren, die sich gegenseitig bedingen. Und Sie wurden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass man nur das verteilen kann, was zuvor erwirtschaftet wurde, und dass nicht nur der sozial handelt, der etwas verteilt, sondern auch derjenige, der dafür sorgt, dass es etwas zu verteilen gibt.

Es ist wohl so: Dieses Bewusstsein ist im Verlauf vieler Jahre schwächer geworden. Ich habe das einmal so ausgedrückt: Deutschland ist sich untreu geworden. Vor allem die „Verbreiterung des öffentlichen Korridors“ mit fatalen Folgen für die öffentlichen Finanzen prägt das Bild bis heute. Umso erfreulicher ist es, dass Sie sich seit Ihrem offiziellen Eintritt in den Ruhestand vor sieben Jahren der Aufklärung über den Sinn und Wert der Sozialen Marktwirtschaft verschrieben haben.

Diese Arbeit an der Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft ist für unser Land sehr wichtig.

Es ist gut, dass gerade Männer wie Sie sich in den Dienst dieser Aufgabe stellen. Wer Ihre Vita kennt, konnte nicht überrascht sein von dieser Entscheidung. Sie sind eine Art ordnungspolitisches Gewissen für die Wirtschafts- und Finanzpolitik unseres Landes. Auf europäischer und internationaler Ebene haben Sie strukturelle Reformen bereits zu einer Zeit gefordert, als noch längst nicht alle begriffen hatten, wie dringend die geboten waren und sind.
Mehr als 40 Jahre lang dienten Sie unserem Land als Beamter und Staatssekretär, als Beauftragter des Bundeskanzlers für den Weltwirtschaftsgipfel, als Berater bei der Wiedervereinigung, als Vizepräsident und schließlich als Präsident der Deutschen Bundesbank. Es ist immer wieder beeindruckend, wenn man sich vergegenwärtigt, an welchen bedeutenden Weichenstellungen Sie mitgewirkt haben.

Ich nenne nur einige davon:
Der Werner-Plan Anfang der 70er Jahre, an dem Sie mitarbeiteten. Auch wenn die Zeit dafür noch nicht reif war – in diesem kühnen Entwurf für eine europäische Währungsunion wurden wichtige Elemente des heutigen Eurosystems bereits vorgezeichnet. Anfang der 80er Jahre waren Sie Mitverfasser des geradezu legendär gewordenen Lambsdorff-Papiers. Darin wurde eine Rückbesinnung auf die Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft gefordert. In den Jahren danach gelang es, die Neuverschuldung des Staates wieder ein Stück zurückzuführen, und die von Gerhard Stoltenberg initiierte große dreistufige Steuerreform wurde auf den Weg gebracht. Das war gut für die alte Bundesrepublik, und es war erst recht ein Segen, als es dann galt, die Lasten der deutschen Einheit zu schultern. Als Sonderberater des Bundeskanzlers hatten Sie entscheidenden Anteil, den Weg für die Verwirklichung der deutsch-deutschen Währungsunion zu bereiten. Die rasche Einführung der D-Mark in der DDR machte den Prozess der Vereinigung unumkehrbar.
Dabei haben Sie mit Ihren Bedenken hinsichtlich des Umtauschsatzes und der Übertragung des überbordenden Rechts- und Regulierungssystems der alten Bundesrepublik eins zu eins auf die neuen Länder nicht hinter dem Berg gehalten.

Ihre Mitwirkung an der Architektur der europäischen Währungsunion war für das Gelingen dieses einzigartigen ökonomischen und politischen Projekts von wesentlicher Bedeutung. Als eine Art Außenminister der Deutschen Bundesbank waren Sie an den Verhandlungen über den Maastrichter Vertrag maßgeblich beteiligt.
Dass die deutsche Bevölkerung den Euro mehr und mehr als Export der Stabilitätskultur der Deutschen Bundesbank und nicht als Verlust der D-Mark erlebt und verstanden hat, ist nicht zuletzt auch Ihrem Einsatz und Ihrer Fachkompetenz zu verdanken.

Sie waren sich immer bewusst, dass der Erfolg aus dem Bohren dicker Bretter erwächst. Ihre Arbeitsmoral, Ihre sprichwörtliche preußische Disziplin und Ihre Bereitschaft, sich in neue Sachverhalte einzuarbeiten, gelten an den früheren Stätten Ihres Wirkens noch heute als legendär. Sie genossen hohen Respekt, aber Ihre präzisen Fragen waren auch gefürchtet.

Ich erinnere mich gerne an eine unserer ersten bewussten Begegnungen im Jahre 1976: Empfang zum 75. Geburtstag im Schloss Bellevue: das Ehepaar Tietmeyer mit Bundespräsident Horst Köhler, dessen Ehefrau Eva Luise Köhler und Helmut Kohl
Eines Nachts saß ich als junger, frisch gebackener Beamter in meinem Büro im Wirtschaftsministerium und brütete über einem Text für das Zukunftsinvestitionsprogramm von Bundeskanzler Helmut Schmidt. Plötzlich – es mag so gegen zwei Uhr nachts gewesen sein – öffnete sich die Tür. Herein kam ein Mann, der mich fragte, wer ich sei und was ich um diese Zeit hier treibe. Ich stellte mich vor und fragte nun meinerseits, wer mich zu so später Stunde mit einem Besuch beehrte. Die Antwort: „Tietmeyer“. Ich war natürlich beeindruckt und es folgte eine lange Zeit guter, manchmal auch stürmischer Zusammenarbeit.

Ich habe von Hans Tietmeyer viel gelernt und bin dankbar dafür.