Buchrezension Herausforderung Euro in der Financial Times Deutschland
Ruderpartien auf dem Tegernsee, Mark Schieritz

9.2.2005 - Hans Tietmeyer war am Projekt Euro maßgeblich beteiligt - als Staatssekretär im deutschen Finanz- sowie im Wirtschaftsministerium und schließlich als Bundesbankpräsident. Seine Erfahrungen hat er jetzt als "Herausforderung Euro" zu Papier gebracht.

Um es gleich zu sagen: In die aktuelle Debatte über die Ursachen der europäischen Wachstumsschwäche und die institutionelle Ausgestaltung der Währungsunion bringt Tietmeyers Werk nichts Neues ein. Da ist die Rede von "schwerwiegenden Strukturproblemen", "dringend nötigen Reformen", "rigiden Vorschriften" und mangelnder Flexibilität an den Arbeitsmärkten. Diese Diagnose ist hinlänglich bekannt. Wenn Tietmeyer fordert, um fit für die Zukunft zu sein, brauche die EU eine klarere Zuordnung der Kompetenzen und handlungsfähigere Strukturen - wer wird da Nein sagen?

Spannend wird das Buch, wenn der frühere Zentralbanker aus dem Nähkästchen plaudert. Wie Finanzminister Theo Waigel und sein französischer Kollege Pierre Beregovoy sich bei Bootsfahrten auf dem Tegernsee näher kamen und so die Basis für den Erfolg der Verhandlungen über die Euro-Einführung legten. Dass es letztlich die Franzosen waren, die in der Debatte um die Quantifizierung der Obergrenze für das Staatsdefizit jene drei Prozent ins Spiel brachten, die heute - je nach ideologischer Provenienz - als Krönung oder gefährliches Erbe deutscher Verhandlungskunst angesehen werden. Wie die Zentralbanker bei Sitzungen alphabetisch nach ihren Nachnamen platziert und nicht nach ihren Herkunftsländern - um zu signalisieren, dass die Währungshüter dem gesamten Euro-Raum verpflichtet sein sollten.

Tietmeyers Darstellung zeigt auch, wie selbstverständlich sich die Bundesbank bei der Ausgestaltung des Systems der europäischen Zentralbanken durchsetzen konnte. Vom Standort der Notenbank über die Verteilung von Schlüsselpositionen bis hin zur Strategie der EZB haben die Frankfurter der gemeinsamen Geldpolitik ihren Stempel aufgedrückt. Und folgt man Tietmeyer, stand die deutsche Dominanz stets außer Frage. Wer sich heute bei der EZB umhört, der wird feststellen, dass darüber nicht alle glücklich sind - und man sich vom germanischen Erbe emanzipieren will.

© 2005 Financial Times Deutschland


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Carl Hanser Verlag
340 Seiten, gebunden
ISBN 3-446-40030-3
24,90 €