Die Soziale Marktwirtschaft erneuern (1)
Kapitel I. Die Erfolgsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft

Von Hans Tietmeyer, Vorsitzender des Kuratoriums der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, INSM

1. Von der Mangelwirtschaft zum "Wohlstand für alle"
Der Wohlstand, den Deutschland heute erreicht hat, war für die Bürger im Nachkriegsdeutschland kaum vorstellbar. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen unsere Städte in Trümmern, Hunger und Elend waren allgegenwärtig. Lebensmittel und Konsumgüter wurden in der zentral verwalteten "Mangel-Wirtschaft" rationiert und konnten - wenn überhaupt - nur gegen Bezugsscheine und unter großen Anstrengungen erhalten werden.

Entscheidend für den gelungenen Wiederaufbau und die erfolgreiche wirtschaftliche und politische Entwicklung Deutschlands in den vergangenen fünfzig Jahren war der Übergang zu einem freiheitlichen Wirtschaftssystem. Dass dieser gelang, konnte nach dem Zweiten Weltkrieg keineswegs als selbstverständlich angesehen werden. Weite Teile der Gesellschaft waren der Ansicht, die Bewirtschaftung müsse aufrecht erhalten werden und der Übergang zu einem marktwirtschaftlichen System führe ins Chaos und sei der grundsätzlich falsche Weg.

Eine andere Auffassung vertrat eine Gruppe freiheitlich gesinnter Politiker und Ökonomen, zu denen Ludwig Erhard, Alfred Müller Armack, Walter Eucken, Franz Böhm und Wilhelm Röpke gehörten. Diese "Väter der Sozialen Marktwirtschaft" waren überzeugt, dass die Ursache der wirtschaftlichen Probleme nicht in erster Linie in den Kriegsfolgen, sondern in der "fehlerhaften Organisation des volkswirtschaftlichen Produktionsapparates" (Müller-Armack) zu sehen sei. Unter der Führung Ludwig Erhards gewann diese Auffassung zunehmend an Einfluss und es gelang, die bereits während des Krieges entstandenen Ideen eines freiheitlichen Wirtschaftssystems, der "Sozialen Marktwirtschaft", in die Praxis umzusetzen.

Die Währungsreform am 20. Juni 1948 brachte mit der D-Mark wieder eine stabile Währung und schuf damit eine notwendige Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaftsordnung. Den entscheidenden Schritt in Richtung Marktwirtschaft vollzog aber Ludwig Erhard mit seiner Wirtschaftsreform. Bis auf wenige Ausnahmen wurden die Mengenregulierungen aufgehoben und die Preise freigegeben.

Wirtschafts- und Währungsreform führten sozusagen über Nacht zum Erfolg. Die Menschen gewannen Vertrauen in die D-Mark und innerhalb kürzester Zeit war eine Vielzahl von Gütern erhältlich. Eine umfangreiche Investitionstätigkeit setzte ein und die Industrieproduktion stieg im ersten Jahr nach den Reformen um mehr als die Hälfte. Der Grundstein für das "deutsche Wirtschaftswunder" war gelegt.

In den Folgejahren kam es im Zeichen der Erhardschen Politik zu einem kontinuierlichen Wachstumsprozess. Die Einkommen hielten mit dem Wirtschaftswachstum Schritt, die Preise blieben stabil, die Kaufkraft der breiten Bevölkerung wuchs, und in den fünfziger und sechziger Jahren wurde die Vollbeschäftigung erreicht. Die Vision Ludwig Erhards, durch ein freiheitliches Wirtschaftssystem "Wohlstand für alle" zu schaffen, wurde Realität.

2. Eigeninitiative und Wettbewerb als Erfolgsfaktoren
Der große Erfolg, den die Soziale Marktwirtschaft zu Zeiten Ludwig Erhards hatte, beruhte auf der Initiative, der Kreativität und der Leistungsbereitschaft der Menschen. Die zentrale Bedeutung der Eigeninitiative für den individuellen und den gesellschaftlichen Wohlstand brachte Ludwig Erhard 1958 auf den Punkt: "Das mir vorschwebende Ideal beruht auf der Stärke, dass der Einzelne sagen kann: Ich will mich aus eigener Kraft bewähren, ich will das Risiko meines Lebens selbst tragen, will für mein Schicksal verantwortlich sein."

Die staatliche Aufgabe besteht im Erhardschen Konzept der Sozialen Marktwirtschaft vor allem darin, einen Ordnungsrahmen zu setzen, der die Kreativität und Leistungsbereitschaft der Menschen bestmöglich zur Geltung kommen lässt. Der tragende Pfeiler dieses Ordnungsrahmens ist der Wettbewerb. Der Wettbewerb ist ein "Entdeckungsverfahren" (Friedrich August von Hayek), das eine Vielzahl neuer Produkte, Dienstleistungen und Herstellungsverfahren hervorbringt, die in einer zentral gelenkten Wirtschaft "entweder unbekannt bleiben oder doch zumindest nicht genutzt würden". Der Wettbewerb führt zu Dynamik und Innovation, er treibt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung voran. Zudem verhindert er die Anballung wirtschaftlicher Macht in Form von Monopolen und Kartellen. Er ist somit auch ein wichtiges Instrument zur Freiheitssicherung.

Die Soziale Marktwirtschaft ist aber keine freie Marktwirtschaft, die ausschließlich durch Wettbewerb und Individualismus bestimmt wird. Alfred Müller-Armack hat es als Sinn der Sozialen Marktwirtschaft bezeichnet, "das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem des Sozialen Ausgleichs zu verbinden". Für die Begründer der Sozialen Marktwirtschaft war es jedoch falsch, die Marktwirtschaft und das Soziale als etwas Getrenntes oder Gegensätzliches bzw. den sozialen Ausgleich ausschließlich als das Ergebnis staatlicher Umverteilung zu sehen. Vielmehr stehen Eigenverantwortung und private Absicherung eindeutig an erster Stelle. Die Gemeinschaft soll aber auch denjenigen ein menschenwürdiges Leben garantieren, die Hilfe brauchen: den weniger Leistungsfähigen, Alten, Kranken, Behinderten. Und sie soll bei der Eigenvorsorge für die großen Lebensrisiken helfen. Erhard war aber überzeugt, dass die Notwendigkeit staatlicher Hilfen mit wachsendem Wohlstand immer weiter abnehmen werde.


Weitere Kapitel:


II. Jahrzehntelange Fehlentwicklungen
III. Negative Folgewirkungen
IV. Wesentliche Ursachen der Fehlentwicklungen
V. Verändertes Umfeld und neue Wettbewerbsbedingungen
VI. Die Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft
VII. Ein Erfolgsrezept für die Zukunft