Die Soziale Marktwirtschaft erneuern (5)
Kapital V. Verändertes Umfeld und neue Wettbewerbsbedingungen
Von Hans Tietmeyer, Vorsitzender des Kuratoriums der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, INSM
1. Der globale Wettbewerb
Die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte machen die Erneuerung unseres Wirtschafts- und Sozialsystems dringend notwendig. Reformen werden umso dringlicher, weil sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch Rahmenbedingungen verändern. Sowohl die Globalisierung der Wirtschaft als auch die Öffnung und Erweiterung der EU sind Prozesse, die den internationalen Wettbewerb der Standorte intensivieren. Die Unternehmen und die Kapitalgeber können heute viel leichter zwischen verschiedenen Investitionsstandorten auswählen und sich beispielsweise einer hohen Besteuerung oder einer restriktiven Regulierung entziehen. Strukturelle Fehlentwicklungen in einem Land werden in Zeiten des globalisierten Wettbewerbs schonungslos aufgedeckt.
Die zunehmende Integration der Weltmärkte ist aber gerade für ein Land wie Deutschland, dessen Wohlstand zu einem großen Teil auf der Einbindung in den internationalen Handel basiert, mit großen Chancen verbunden. Die Politik hat die Aufgabe, den Menschen diese Chancen zu verdeutlichen und die Ängste vor den notwendigen Anpassungen zu nehmen. Der völlig falsche Weg wäre es, sich mit wettbewerbsbeschränkenden Maßnahmen von der Öffnung der Märkte abkoppeln zu wollen. Die mögliche Wohlstandsmehrung durch Spezialisierung bliebe ungenutzt, die Wachstums- und Beschäftigungschancen würden insgesamt verschlechtert. Notwendig ist vielmehr, den Herausforderungen offensiv entgegen zu treten, attraktive Rahmenbedingungen für Investitionen zu schaffen und sich so auch unter den veränderten Bedingungen im internationalen Wettbewerb zu behaupten.
2. Innovative Technologien und neue Märkte
Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien haben entscheidend zur Veränderung des wirtschaftlichen Umfelds beigetragen. Heute können Informationen in einer Geschwindigkeit gewonnen und übermittelt werden, die bis vor wenigen Jahren noch undenkbar war. Die Markttransparenz hat sich um ein Vielfaches erhöht und den Wettbewerb erheblich intensiviert. Käufer und Kunden können so die Preise und Qualitäten vieler Waren und Dienstleistungen ohne großen Aufwand miteinander vergleichen.
Die informationstechnische Revolution beschleunigt nicht nur den Datenverkehr, sie eröffnet zugleich eine Vielzahl neuer Märkte und bringt neue Arbeitsplätze. Neben den Branchen, die sich unmittelbar mit den neuen Technologien befassen, werden auch zahlreiche Dienstleistungen von ihnen erfasst. Das Spektrum reicht vom Mobilfunk bis zu den Bank- und Investmentbranchen.
Fast jeder zweite Erwerbstätige ist in Deutschland mittlerweile damit befasst, Daten und Informationen zu gewinnen, zu verarbeiten und geschäftlich nutzbar zu machen. Es wird immer deutlicher, dass das Wissen, seine Gewinnung und seine Umsetzung in Leistungen oder Produkte zum entscheidenden wirtschaftlichen Rohstoff wird. Das erfordert zusätzliche Anstrengungen sowohl von jedem einzelnen Erwerbstätigen, der sich laufend fortbilden muss, als auch von der Politik, die auf die Veränderungen angemessen reagieren muss. Ein modernes und leistungsfähiges Bildungs- und Ausbildungssystem wird zu einem Schlüsselfaktor für die Wettbewerbsfähigkeit eines jeden Landes - auch des unseren.
Weitere Kapitel:
VI. Die Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft
VII. Ein Erfolgsrezept für die Zukunft
