Interview mit der katholischen Mailänder Tageszeitung Avvenire zum Besuch von Papst Benedikt XVI., 17. August 2005
Weltjugendtag als Anstoß für eine

Die jungen Teilnehmer aus aller Welt sollten gemeinsam erleben und erkennen, dass sie auch Verantwortung tragen für andere. Dann, so erklärte der INSM-Kuratoriumsvorsitzende Tietmeyer in einem Interview mit der katholischen Mailänder Tageszeitung Avvenire, könnten die persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer einen wichtigen Anstoß für eine Erneuerung des Denkens und Handelns möglichst vieler Menschen geben.

In einem Interview mit der katholischen Mailänder Tageszeitung Avvenire hat Prof. Dr. Hans Tietmeyer, Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), sich zuversichtlich gezeigt, dass alle religiösen Konfessionen in Deutschland vom Papstbesuch profitieren werden. Denn der Besuch werde die "alte und neue Rolle der Kirche in der Gesellschaft von heute und morgen erneut deutlich machen".

Gleichwohl warnte Tietmeyer vor überzogenen Erwartungen in Bezug auf eine Annäherung der katholischen und der evangelischen Kirche: "Natürlich können die noch bestehenden Glaubensunterschiede in einer solchen Begegnung nicht einfach überwunden werden. Dazu kann nur die geduldige Fortsetzung der Glaubensgespräche beitragen." Die Begegnung mit dem neuen Papst werde jedoch das hierfür notwendige gegenseitige Vertrauen stärken.

Stellung nahm der frühere Bundesbankpräsident auch zum Besuch des Papstes in einer Kölner Synagoge. "Deutschland wird immer mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und den damals begangenen Verbrechen leben müssen", antwortete er auf eine entsprechende Frage der Zeitung. Wenn Papst Benedikt XVI. die Kölner Synagoge besuche, dann habe das, so Tietmeyer, "eine doppelte Bedeutung: Zunächst macht der Papst deutlich, dass er auch zur jüdischen Religion die Hand ausstreckt und ihre große, nicht nur historische Bedeutung anerkennt." Damit setze er das Wirken von Papst Johannes Paul II. fort. Der Besuch eines deutschen Papstes macht laut Tietmeyer aber auch deutlich, "dass die katholische Kirche in Deutschland das respektvolle Zusammenleben mit den Juden für besonders wichtig hält." Wohl habe die katholische Kirche in der Nazizeit "überwiegend an der Seite der verfolgten Juden gestanden". Aber, so Tietmeyer, "es gab zu dieser Zeit auch bei manchen Katholiken eine distanzierte Position gegenüber den Juden." Der Besuch des Papstes demonstriere, dass eine solche Distanz keine Grundlage habe.

Tietmeyer äußerte die Hoffnung, dass der Weltjugendtag ein Signal gegen die fortschreitende Säkularisierung und für eine "Neubesinnung in Richtung christlicher Wertorientierung und neuer Spiritualität geben könnte. Die jungen Teilnehmer aus aller Welt sollten gemeinsam erleben und erkennen, dass sie auch Verantwortung tragen für andere." Dann, so erklärte der INSM-Kuratoriumsvorsitzende, könnten die persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer einen wichtigen Anstoß für eine Erneuerung des Denkens und Handelns möglichst vieler Menschen geben.

Tietmeyer, der zunächst Theologie und dann als Stipendiat des bischöflichen Cusanus-Werks Volkswirtschaft studiert hatte, engagiert sich seit dem Jahr 2000 auch für die wirtschafts- und sozialpolitische Erneuerung Deutschlands. Im Juni 2002 hatte er in Berlin den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, zu einem Vortrag über dieses Thema eingeladen.