Martin Kannegiesser
Wichtiger Beitrag zur Globalisierungsdebatte
Von Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall
Die Globalisierung als Testfall für die Soziale Marktwirtschaft: Wie können wir in unserem Land die Voraussetzungen dafür verbessern, dass wir international hinreichend wettbewerbsfähig und innovativ werden?“ Diese Frage hat Hans Tietmeyer als zentrales Thema benannt, als er im Herbst des Jahres 2000 nach den notwendigen Reformen in Deutschland und nach der Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft befragt wurde. Er hatte damals gerade den Vorsitz des Kuratoriums der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft übernommen, die von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektro-Industrie getragen wird.
Für die Verfechter des Reformkurses war es ein Glücksfall, dass sich Tietmeyer an die Spitze der Initiative stellte. Der Blick über den Tellerrand der nationalen Grenzen hinaus verband seine Erfahrungswelt – die eines international hoch geachteten und weltweit vernetzten Experten der Geld-, Währungs- und Wirtschaftspolitik – mit dem täglichen Erleben der Unternehmerschaft aus unserer Industrie.
Hans Tietmeyer hat als Präsident der Deutschen Bundesbank, aber auch als Kanzlerberater und Vorbereiter internationaler Gipfeltreffen ein ausgeprägtes Gespür für die globale Dimension des Wirtschaftens und des Wettbewerbs entwickelt. Die Reforminitiative von Gesamtmetall speiste sich aus der gleichen Quelle: den Erfahrungen der Unternehmen, deren Mitarbeiter in aller Welt unterwegs sind, um Automobile, Elektrotechnik und Maschinen zu verkaufen. Früher als andere bekamen sie die Entwicklungen zu spüren, die nach dem Fall der Mauern, der Öffnung der Grenzen sowie unter den Bedingungen modernster Informations- und Transporttechnik einsetzten: Der Wettbewerb wurde um ein Vielfaches härter, die Innovationsdynamik beschleunigte sich ungemein, viele Millionen Menschen drängten auf den Weltarbeitsmarkt. Sie sind alle nicht bereit, aus Rücksicht auf deutsche Besitzstände auf ihre eigenen Entwicklungs- und Wohlstandschancen zu verzichten.
Das Credo der Initiative und ihres Vorsitzenden lautete folgerichtig: Die Soziale Marktwirtschaft als erfolgreiche Ordnung in Deutschland muss an die Veränderungen angepasst werden, die durch die Globalisierung ausgelöst wurden. Die wirtschaftlichen Erfolge unseres Landes vor 40 und 50 Jahren haben aus damaliger Sicht zu Recht zu hohen Einkommen, vergleichsweise hohen Sozialstandards und hohen Ansprüchen aller Bevölkerungskreise geführt. Aber das hat auch die Sozialsysteme teuer werden lassen und die Arbeitskosten nach oben getrieben. Wir haben unser Anspruchsdenken immer höher geschraubt und nicht darauf geachtet, dass unsere Leistungskraft nicht mehr Schritt halten kann. Tietmeyer hat stets darauf hingewiesen, dass wir uns im Zeitalter der verschärften internationalen Konkurrenz solche Ausuferungen nicht mehr leisten können. Dass es bei den Reformanstrengungen um das Bohren dicker Bretter ging, war ihm auch von Anfang an klar: Die Bürger bejahten zwar Veränderungen in der Sozialpolitik, aber nur solange sie nicht selbst betroffen waren.
Immer mehr Wirtschaftsbereiche unterliegen dem weltweiten Wettbewerb um Wertschöpfung. Immer mehr Arbeiten und Tätigkeiten geraten in diesen Wettbewerb. Bildung und Qualifizierung sind deshalb das Kernstück der Zukunftssicherung. Zu Recht hat Tietmeyer dem Thema Bildung in seinen Vorträgen und Statements einen hohen Stellenwert eingeräumt – aber nicht nur dort: Bis heute ist er Präsident die European Business School.
„Deutschland ist auf keinem schlechten Weg“, lautete ein Kernsatz Hans Tietmeyers in seiner Ansprache bei der Gründung der Initiative im Jahr 2000. Der Weg führt in bessere Zeiten, so sein Standpunkt, wenn die Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft wieder zur Geltung kommen: Eigeninitiative und Selbstverantwortung der Bürger, Unternehmergeist und das Prinzip des Wettbewerbs – gepaart mit dem Blick für gesellschaftlich faire Proportionen, die nicht zulasten von Effizienz gehen dürfen.
