Metelen - Geburtsort von Hans Tietmeyer
Tiefe Wurzeln in der Münsterländer Heimat

In einem beschaulichen Ort dicht hinter der niederländischen Grenze ist Hans Tietmeyer geboren. Er hat später wiederholt betont, wie sehr ihn seine Münsterländer Heimat geprägt hat.

Als „westfälische Eiche“ hat sich Hans Tietmeyer selbst bezeichnet. Die Wurzeln dieses Mannes liegen im münsterländischen Metelen, ein 6363 Einwohner zählendes Ackerbürgerstädtchen 20 Kilometer hinter der niederländischen Grenze. Die dominierende Fassadenfarbe ist das Rot der Backsteinmauern.

Im Ortszentrum verweist das Denkmal eines „Plaggenstiäkers“ darauf, wie hart die Menschen noch bis ins letzte Jahrhundert hinein arbeiten mussten, um den kargen Heideboden urbar zu machen. „Plaggen“ sind rechteckige Stücke aus dem durchwurzelten Heideboden. Sie wurden bis in die 30er Jahre gestochen und als Streu für den Stall verwendet, um anschließend als Dünger auf den kargen Äckern ausgebracht zu werden. Eine schweißtreibende und ertragsarme Arbeit, die die Menschen in dieser Region geprägt hat.

Der Straßenname „Seidenweberweg“ erinnert auch an die zweite wichtige Erwerbsquelle der Menschen hier: die in den 70er Jahren weitgehend untergegangene Textilindustrie. Am Ortsausgang steht ein Kaufhaus mit einem großen Schild: „Tietmeyer“. „Das Kaufhaus ist hervorgegangen aus einer Eisenwarenhandlung, die unser Großvater Josef Tietmeyer betrieben hat", erklärt Tietmeyers Bruder Albert, der sich im örtlichen Heimatverein engagiert. "Großvater Josef war Schmied, er produzierte Bohrer und Werkzeuge für die damals in dieser Region heimische Holzschuhproduktion“

Familienglück in den 30er Jahren: Bernhard und Leny Tietmeyer mit den Söhnen Albert und Hans„Bei uns zu Hause ging es preußisch diszipliniert zu“, schildert Albert das Leben in seiner Kindheit. Anders wären die Tietmeyers wohl kaum über die Runden gekommen. Das nicht eben üppige Einkommen des Vaters Bernhard, 1968 pensionierter Amtsinspektor mit Verantwortung für die Gemeindekasse, musste eine Familie mit 11 Kindern, acht Jungen und drei Mädchen, ernähren. Mutter Helene, sie starb 2003 mit 99 Jahren, hielt kraftvoll den Haushalt zusammen.

„Jeder hatte seine Zuständigkeit“, sagt Albert, ob das nun fürs Gemüse im Garten des Backstein-Hauses an der Bahnhofstraße war oder für die zwei Schweine, die man im Schuppen hinter dem Haus hielt. Ausmisten, in aller Frühe Kohlen und Holz im Ofen anfachen, Arbeit im Nutzgarten – harte Arbeit von Kindesbeinen an. „Keine Lust? Das gab es nicht!“ Vom Vater habe Hans die Genauigkeit geerbt, von der Mutter die Kraft und das Durchsetzungsvermögen.

Eng verbunden mit Tietmeyers Jahren vor und nach Kriegsende ist auch der Name des Kaplans Alfons Wevering, der 1943 nach Metelen kam und im Pfarrheim eine Ping-Pong-Gruppe mit Jugendlichen am Ort ins Leben rief. Man spielte zunächst mit selbst gebastelten Schlägern auf einem zugedeckten Billardtisch. Ende 1945 fand gar ein Ländervergleichskampf mit britischen Soldaten statt, den die Einheimischen 6:3 verloren. Aus der Ping-Pong-Gruppe im Pfarrheim wurde der TTV Metelen 1946 e.V.

In dessen Annalen finden sich Belege für das sportliche Vorbild des damaligen Spielers Hans Tietmeyer. Albert Nield, ein deutschfreundlicher Vertreter unter den damaligen britischen Besatzern, war ein Tischtennis-Ass – ein „Defensivkünstler“, der „selbst härteste Schmetterbälle aus vielen Metern Entfernung noch auf den Tischtennistisch zurückbrachte“. Die spektakuläre Spielweise des Engländers fand „auch in Metelen viele Nachahmer (z.B. Hans Tietmeyer und Bernard Thihatmar)“, so die Vereinschronik. Hans Tietmeyer blieb diesem Sport treu und wurde später Deutscher Hochschulmeister in der Mannschaftswertung.

Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete Hans Tietmeyer in der Seidenweberei Gebhardt, reinigte dort Textilmaschinen. „Er nahm bevorzugt die schmutzigsten Arbeiten an, weil es dabei noch ein paar Groschen Schmutzzulage gab“, erinnert sich Bruder Albert. Hans Tietmeyer hat in den Semesterferien auch als Waldarbeiter sowie unter Tage gearbeitet, Kohle hauen in der Zeche „Auguste Viktoria“.

Eine Grubenlampe, die der Student Hans Tietmeyer damals benutzte, ist heute noch in Metelen ausgestellt: Im Ackerbürgerhaus, einem vom Heimatverein liebevoll restaurierten Fachwerkhaus, das als einziges einen verheerenden Brand überlebt hat, der Metelen im 19. Jahrhundert heimgesucht hatte. Seit der Renovierung trägt es den Namen „Ackerbürgerhaus Hans Tietmeyer“ und wird als Heimatmuseum genutzt. Zu sehen sind dort auch zahlreiche Widmungen von Ministern, unter denen Hans Tietmeyer gedient hat, außerdem Bilder von Gipfeltreffen, eine Plakette von Papst Johannes Paul II., der den großen Sohn der Gemeinde 1997 zur Privataudienz empfangen hatte.

„Zur Erinnerung an fruchtbare Zusammenarbeit“, hat der frühere Wirtschaftsminister Karl Schiller, SPD, am 17.11.1972 auf ein Porträtfoto geschrieben, am 29. Oktober 1982 dankte auch Otto Graf Lambsdorff seinem Abteilungsleiter, mit dem gemeinsam er zu diesem Zeitpunkt bereits bundespolitische Geschichte geschrieben hatte. Ein Vermerk zur damals krisenhaften Wirtschaftslage in Deutschland war zur Scheidungsurkunde der sozial-liberalen Koalition geworden.Heimatverein pflanzt Prof. Tietmeyer westfälische Eiche vor Bundesbank

Hans Tietmeyer ist seiner Heimat immer noch tief verbunden. „Westfälische Eichen können schon einiges aushalten“, hat er in einem Interview einmal gesagt. 1999 hat ihm der Metelener Heimatverein eine solche Eiche aus Westfalen vor die Bundesbank gepflanzt. Bundesbanker Tietmeyer schippte eigenhändig original Münsterländer Erde, damit der Baum in Mainhattan auch angeht. „Met düsse Meidelske Eick segg wie Danke, Diene Heimatfrönde“ – mit dieser Metelener Eiche sagen wir Dir Danke“, lieferte seinerzeit das „Bundesbank Magazin“ die hochdeutsche Übersetzung.

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Aufgezeichnet von Carsten Seim