Rede auf dem Internationalen Frankfurter Bankenabend am 5. Mai 1998 (gekürzt)
Ich möchte zu den Entscheidungen, die am vergangenen Wochenende in Brüssel gefallen sind, drei Anmerkungen machen:
1. Der am Wochenende in Brüssel vereinbarte Kompromiss für die Besetzung des Präsidentenamtes der Europäischen Zentralbank ist eine Entscheidung der politischen Instanzen, die wir zur Kenntnis nehmen und die ich nicht weiter kommentieren möchte.
2. Die für das Direktorium vereinbarten Personalvorschläge sind insgesamt positiv zu werten. Es handelt sich um Persönlichkeiten, die in Währungs- und Bankfragen anerkannt sind und zum großen Teil auch langjährige Erfahrungen im Bereich der Geldpolitik haben. Das gilt insbesondere für Prof. Dr. Otmar Issing, der für acht Jahre berufen werden soll. Es ist zu hoffen, dass der Berufungsvorgang möglichst bald abgeschlossen wird und damit die Europäische Zentralbank errichtet werden kann.
3. Die Europäische Zentralbank muss von Beginn an bemüht sein, das notwendige Vertrauen für die dauerhafte Stabilitätsorientierung ihrer Politik aufzubauen und ihre Unabhängigkeit von politischen Einflüssen unter Beweis zu stellen. Als Mitglied des künftigen EZB-Rates werde ich mich mit Nachdruck hierfür einsetzen.…
Gut zurechtkommen in Frankfurt kannst Du auch deshalb, weil – wie ich glaube – es eine Reihe von Gemeinsamkeiten in der finnischen und der deutschen Mentalität gibt. Beide Volksmentalitäten neigen dazu, Dinge klar und offen zu sagen. Vielleicht drücken sich beide, Finnen und Deutsche, nicht immer mit jener Eleganz und Leichtigkeit aus, die Vertreter mehr lateinisch beeinflusster Kulturen so perfekt beherrschen. Doch zeichnen sich Finnen und Deutsche aus durch einen hohen Sinn für Realität, ein klares, wenn auch manchmal hartes Urteil und eine gesunde Bodenhaftung. Die Finnen mögen eine klare, realistische Sichtweise anstatt einer verschnörkelten Affektiertheit. Das gilt auch für ihre Sicht von Europa. Mögen die finnischen Europa-Bekenntnisse nicht immer so überschwenglich und euphorisch klingen. Mögen sie auch verständlicherweise viel Wert auf ihre Selbständigkeit legen. Dafür stehen die Finnen nicht nur sonntags zu Europa und nicht nur dann, wenn es Geld aus Brüssel gibt. Finnland liegt allenfalls geographisch am Rande, politisch liegt es im Herzen Europas.
Der Realitätsbezug im Denken beider Völker hat sicherlich auch dazu beigetragen, eine Stabilitätskultur in unseren beiden Ländern aufzubauen und zu festigen. Und in beiden Ländern spielt die jeweilige Zentralbank eine wichtige Rolle, um diese Stabilitätskultur abzusichern. Gerade Deine Arbeit und Deine Persönlichkeit, liebe Sirkka, haben wesentlich zum hohen internationalen Renommee der finnischen Stabilitätspolitik beigetragen. Du wirst auch die hier in Frankfurt gewachsene Stabilitätskultur schätzen.
Du hast ja einmal gesagt, dass es das Los eines strikt stabilitätsorientierten Zentralbankers sei, unpopulär zu bleiben. Ich kann Dir eines versichern: Hier in Frankfurt kann ein Zentralbanker zugleich stabilitätsorientiert und populär sein. Stabilitätswächter in Frankfurt sein ist schon etwas besonderes. Wobei ich überzeugt bin, dass Finnen hierfür ein besonderes Talent haben. Denn Stabilitätsorientierung hat etwas mit Langfristigkeit und damit mit Ausdauer zu tun. Und die Finnen sind in Ausdauersportarten ohnehin nicht zu schlagen. Außerdem: Wenn der Euro einmal in Fahrt ist, muss er – dies ist das Wort des Jahres in Deutschland – seinen “Elch-Test“ bestehen. Und wir Deutsche sind doch sehr erleichtert, dass jemand aus Finnland mit am Steuer sitzt. …
Interessante Gemeinsamkeiten gibt es übrigens auch zwischen unseren beiden Währungen. Auf den ersten Blick fällt natürlich der gemeinsame Name auf. Als es seinerzeit darum ging, einen richtigen Namen für die Single Currency anstatt der drei Buchstaben E – C – U zu finden, haben ja viele Deutsche vorgeschlagen, die europäische Währung nach der finnischen Währung Mark zu nennen. “Aus unerfindlichen Gründen“ konnte sich dieser Vorschlag jedoch nicht durchsetzen.
Eine wirklich interessante Parallele besteht darin, dass beide Währungen älter sind als die beiden heutigen selbständigen Staaten. Die D-Mark ging bekanntlich der Gründung der Bundesrepublik voraus; wenn auch nur für kurze Zeit. Daran wird das 50jährige Jubiläum der D-Mark noch einmal erinnern. Dazu wird in der Paulskirche am 20. Juni ein Festakt stattfinden. Aber das knappe Jahr, das die D-Mark älter ist als die Bundesrepublik Deutschland, ist nichts im Vergleich zur Vorreiterrolle der finnischen Markka. Die Markka ging dem selbständigen Finnland sogar um mehr als fünfzig Jahre voraus. Um so mehr sind wir froh, dass die Finnen bereit sind, die Markka in den Euro aufgehen zu lassen. Und das findet in Finnland sogar noch mehr Zustimmung als in Deutschland.
Ein Problem allerdings hat es mit der Qualifikation Finnlands zur Währungsunion gegeben. Es fehlten ein paar Monate Mitgliedschaft im Wechselkursmechanismus des EWS. Als wir in der Bundesbank unseren Konvergenzbericht anfertigten, haben wir verzweifelt überlegt, was wir tun können. Genau genommen hätte Finnland im Winter 95/96 dem EWS beitreten müssen. … Und so sind wir im Zentralbankrat der Bundesbank übereingekommen, gegenüber Finnland in dieser Angelegenheit keine Vorbehalte zu machen. Dies fiel uns um so leichter, als die stabilitätspolitischen Erfolge in Finnland nachhaltig sind. Und darauf kommt es natürlich an. In dem anderen Fall, bei dem einige Monate Teilnahme am Wechselkursmechanismus fehlten, war das übrigens nicht ganz so leicht. …
Quelle: http://www.bundesbank.de/de/presse/reden/pdf/tiet050598.pdf
Der frühere Bundesbankpräsident Professor Dr. Hans Tietmeyer engagiert sich heute als Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) für marktwirtschaftliche Erneuerung in Deutschland.
